Page 4 - Tragödie_Obermeiser
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Mein Schwiegersohn, der Wirt Heinrich Wilhelm Jäger zu Obermeiser, hat am 20. November
1886 meine 19 Jahre alte Tochter Anna Katharina Lind, welche bei ihm zu Besuch war,
angeschossen. Was ihn dazu veranlasst hat, weiß ich nicht. Dass es nur aus Unvorsichtigkeit
geschehen ist, glaube ich nicht. Ich hatte erwartet, dass wegen dieses Falles gegen meinen
Schwiegersohn eine Untersuchung eingeleitet und er verhaftet werden würde. Letzteres ist
bis jetzt nicht geschehen und ob ersteres stattgefunden hat, ist mir unbekannt. Da ich nun ein
Interesse daran habe, dass mein Schwiegersohn wegen der von ihm begangenen großen
Untat und den dadurch meiner Familie und mir bereiteten großen Kummer und Schmerz
gebührend bestraft wird so richte ich an Königliche Staatsanwaltschaft die gehorsame Bitte
mir wenigstens bald mitteilen zu wollen, ob gegen meinen Schwiegersohn eine Untersuchung
eingeleitet ist und in welchem Stadium dieselbe sich befindet.
Obervellmar, den 20. Januar 1887 Konrad Lind, Gastwirt
Auch Christoph-Wilhelm Hold war als Bürgermeister von
Obermeiser in die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft
eingebunden.
Neben der Erstattung der ersten Anzeige durch ihn wurde er Ende
November 1886 auch dazu aufgefordert, eine schriftliche
Charakteristik über den Beschuldigten Heinrich Wilhelm Jäger
abzugeben.
Christoph-Wilhelm Hold war in den Jahren 1869 bis 1914, also über
45 Jahre hinweg, Bürgermeister von Obermeiser. Neben seinem
eigentlichen Beruf als Landwirt übte er das Amt des
Bürgermeisters ehrenamtlich aus. Er war zudem auch Mitglied im
Kreistag und im kommunalen Landtag.
Hold bescheinigte dem Gastwirt Jäger einen guten Ruf. Er macht
aber auch auf dessen Gesundheitsverhältnisse aufmerksam. Bürgermeister
Christoph Wilhelm Hold
Dazu erklärt er: Nicht besonders! Hat als Kind in Folge Krankheit 1825 - 1914
ein Auge verloren und ist schon oftmals krank gewesen.
Durch den Verlust des Auges sei er auch vom Militärdienst befreit gewesen. Alle seine
Geschwister und auch der Vater seien schon verstorben.
Heinrich Wilhelm Jäger wird von der Staatsanwaltschaft selbstverständlich auch persönlich
angehört. Zudem wird von dort die Obduktion der Leiche von Anna Katharina Lind
angeordnet.
Auszüge aus dem Verhörprotokoll des Heinrich Wilhelm Jäger:
(…) Am Morgen des 20. November hatte ich auf der Straße den Hermann Hold getroffen
und ihn um ein Gewehr gebeten, um einige von meinen Tauben zu schießen, da ich zuviel
hatte; ich wollte einen Jungen vorbeischicken dem möge er es mitgeben.
(...) Ich habe alsdann nach einer ganzen Stunde den Eduard Wagner, der oft in unserem
Hause ist, zu dem Hermann Hold geschickt. Derselbe ist in Begleitung des Wilhelm Schwarz,
dem das nicht geheißen war, hingegangen. (...)