Page 9 - Flugzeugabsturz_Obermeiser
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Trotz Verdunkelung herrscht an diesem beginnenden Wochenende die übliche Beschäftigkeit in der Innenstadt.
Es ist nicht der erste Fliegeralarm und der erste Angriff auf das Zentrum an der Fulda. So eilen die Bürger
eingeübt, aber nichtsahnend was Ihnen bevorsteht, in die Bunker und Keller.
Auch Anna begibt sich zusammen mit dem Bäckermeister August Wahrenholz (1881 – 1943) und seiner Frau
Sabine (1883 – 1943) in den Keller ihres Hauses Sack 4. Deren Tochter Erna, verh. Becker, sucht im Haus Sack
3 im Gewölbe Schutz.
Schon 20 Minuten später um 20:37 Uhr fallen die ersten Bomben, nachdem vorher Leuchtmarkierungen
abgeworfen wurden. Ein apokalyptisches Inferno breitet sich über der gesamten Innenstadt aus. Um 21:30 Uhr
drehen die letzten Bomber ab.
Es gibt keine Entwarnung, weil die meisten Nachrichtenverbindungen unterbrochen sind. So irren viele
Eingeschlossene, teils fürchterlich schreiend oder verzweifelt apathisch, im Chaos orientierungslos zwischen den
vorsorglich durch Mauerdurchbrüche verbundenen Kellerräumen umher. Viele Ausgänge sind zudem
verschüttet.
Das Höllenfeuer raubt den Eingeschlossenen und Fliehenden den Sauerstoff zum Atmen oder setzt
Kohlenmonoxid frei. Die meisten fallen in einen Schlaf, aus dem sie niemals mehr erwachen. Weit über 10.000
Menschen ersticken, werden von Trümmern erschlagen oder verbrennen.
Schnell breitet sich das grauenhafte Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner im Umland aus. Auch von
Obermeiser aus können Bürger noch den Feuerschein am Firmament beobachten.
Anna, 20 Jahre, lebt nicht mehr. Sie ist im Keller erstickt, ebenso die Familie Wahrenholz. Die traurige Nachricht
erreicht am nächsten Tag ihre Eltern. Ein Pferdefuhrwerk mit eisenbeschlagenen Speichenrädern und einem
leeren Holzsarg auf der Ladefläche macht sich auf, um den Leichnam nach Hause zu holen. Anna wird zu ihrer
"letzten grosse Reise" über holpriges Kopfsteinpflaster zur Leichenhalle hinter den grossen alten Linden des
Friedhofs Obermeiser gefahren, wo sie und drei weitere Personen am 28.10.1943 ihre Ewige Ruhe finden.
Rena Sünder, damals 10 Jahre alt, erinnert sich dazu: "Die beiden Hitlerjungen August Sünder, mein späterer
Ehemann, und Helmut Neumeyer begleiteten den Transport des Leichnams."
Der Grabstein von Anna Hold könnte noch heute an die Sinnlosigkeit des Krieges und an die dunkelste Zeit Neuer
Geschichte zeitlos mahnen. Das Grab wurde nach Ablauf der Frist beseitigt, der Stein ist nicht mehr vorhanden.
Auf einer Flughöhe von ca. 20.000 feet/6.000 m klinkt der Bombenschütze Ronald Butler seine stählerne Last
aus.
Er befindet sich in der “Nase“ an exponierter Stelle in der gläsernen Kanzel des Flugzeuges. Hier liegt im Fußboden
eine einmalig entfernbare Luke als Notausstieg für ihn und die 4 Insassen des Cockpites. Hier sitzen
nebeneinander der Pilot und der Bordmechaniker, hinter ihnen der Navigator und der Bordfunker.
In der Mitte des Rumpfes kontrolliert der MG-Schütze den oberen Luftraum. Es herrscht klares und windstilles
Wetter bei hellem Mondlicht in dieser Freitagnacht. So kann der Pilot, aus südlicher Richtung kommend, die
Markierungen gut ausmachen. Die Rauchsäulen der brennenden Ziele steigen senkrecht bis auf ca. 15.000
feet/4.500 m, bevor sie sich verflüchtigen (Protokoll RAF). Die Hecksicherung gibt den Blick frei auf die
brennenden Überreste einer vor einer halben Stunde noch intakten Stadt.
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